Alb Extrem 2009

Aus Northwoodcycling

Sonntag 28.06.2009, Es ist 3 Uhr morgens und mein Wecker klingelt. Begeistert stelle ich ihn ab und quäle mich widerwillig aus meinem Schlafsack. In der Küche steht schon ein vergleichsweise gut gelauntes Adilein und backt uns eine Ladung Brötchen auf. Toll - schon wieder essen! Dabei hat mein Magen gerade eben erst die Verdauung des Abendessens in Form von 3 großen Tellern Spaghetti Bolognese und 1 Schüssel Zitroneneis mit Kirschgrütze erfolgreich beendet. Und wofür das Ganze? Damit wir heute die zahlreich zugeführten Kalorien in 260km und 4300 Höhenmeter umwandeln können. Extrem? Ja, Alb-Extrem!


Inhaltsverzeichnis

[bearbeiten] Ein kleiner Rückblick

Ich habe es ja jahrelang vorgezogen, mich vor sämtlichen "Muss-man-als-Rennradfahrer-mal-gemacht-haben"s zu drücken. Alpenpässe, Pyrenäen, Radmarathons - Fehlanzeige! Dieses Jahr hatte ich mir aber als Motto vorgenommen: "mehr Qualität als Quantität" oder weniger geschwollen ausgedrückt: "mehr Spaß als Kilometer". Deswegen habe ich auch im Januar nicht lange gezögert, als mich mein Freund Peter gefragt hat, ob ich den Alb Extrem Marathon mitfahren möchte. Darüber, ob 260km und "mehr Spaß als Kilometer" jetzt unbedingt zusammenpassen, kann man bestimmt streiten :-) aber es war zumindest etwas Neues für mich. Die Organisation unserer Startplätze war dank "Vitamin B" kein Problem und so wartete ich gespannt die vielen Wochen auf dieses große Ereignis. Um mir eine lange nächtliche Anreise von zuhause in die Schwäbische Alb zu ersparen, quartierte ich mich kurzerhand fürs Marathon-Wochenende bei Adi ein (mit einer sogenannten Selbsteinladung)


Doch zurück zum

[bearbeiten] Geschehen

In Straßdorf (10km entfernt vom offiziellen Startort Ottenbach treffen wir uns mit den anderen Mitstreitern. Mit von der Partie sind Peter und seine Cousins Uli und Steffen, Peters Freunde Toby und Jonas sowie Adis Radfahrkumpel Tommy (der von Adi immer dazu genöt.. äh überredet wird, an den verrücktesten Radaktionen teilzunehmen. 2 Wochen zuvor sind die beiden fürs Mittagessen "kurz mal eben" zum Bodensee runtergestrampelt und danach wieder zurück - 350km Gesamtstrecke)

Helden I
Helden I

Es ist jetzt 5.00 Uhr. Der Morgen dämmert heran und es hat schwülwarme 17°C mit geschätzten 90% Luftfeuchtigkeit. Als bekennender Pessimist und nasser-Popo-Vermeider verunstalte ich als einziger in unserer Gruppe mein Rad mit einem Steckschutzblech. Nach Murphys Gesetzen dürfte es dann natürlich nicht regnen und tatsächlich wird uns kein einziger Regentropfen treffen. Insofern war also mein Opfer, Abzüge für die Optikwertung zu kassieren, nachträglich gesehen nicht umsonst :-)

Mehr oder weniger motiviert brechen wir gemeinsam nach Ottenbach auf. Die letzten 3km führt eine Serpentinenstrecken hinunter in den Ort. Die Ober-Schwarzseher in der Gruppe (dieses Mal NICHT ich) erinnern uns netterweise daran, dass dieser nette Berg nach erfolgreicher Absolvierung der 260km noch zwischen uns und den Autos stehen wird. Aber daran will ich jetzt nicht denken. Vor und in Ottenbach stapeln sich schon die Autos. Wie eine gigantische Ameisenarmee wuseln die Radsportler aus allen Ecken auf die Hauptstraße und von den Häuserwänden hallt ein mehrfaches Echo vom Einrasten der unzähligen Pedalplatten KLACK, KLACK, KLACK. Vom Start hatte ich mir im voraus die schlimmsten Horrorszenarien ausgemalt: Hunderte ungeduldiger Radsportler, die nach Abfeuern der Startpistole wild auf die Strecke losbrettern. Karambolagen, Stürze, wildes Geschrei, Panik und möglicherweise nach wenigen Metern schon das vorzeitige Ende für einige Teilnehmer (z.B. mich?)

Schlachtrösser
Schlachtrösser

Die Realität sieht glücklicherweise ganz anders aus. Wir stellen uns an einer ca. 20m langen Schlange auf einem gut geteerten Waldweg an. Hinter uns wächst die Kolonne schnell weiter bis wir sie nicht mehr überblicken können. Niemand ist ungeduldig und alle haben trotz der frühen Tageszeit gute Laune. Von vorne kämpft sich eine Gruppe Helfer durch und versieht die Teilnehmer mit Armbändchen. Ein Witzbold hinter mir meint: "Für den Eintritt zum All-you-can-eat Buffet", womit er eigentlich gar nicht so weit daneben liegt :-) Und dann geht es endlich gruppenweise los. Gleich in einen netten Anstieg hoch zum Hohenstaufen - zum Warmwerden. Über und unter uns zieht sich eine endlose Kette von Rennradfahrern auf den Serpentinen den Berg hoch. Ein irrer Anblick!

Leider lädt das Wetter nicht gerade zum Fotografieren ein. Es regnet zwar nicht, aber über uns hängt eine scheinbar undurchdringbare Wolkendecke. Wenn ich mich umblicke, kommt es mir so vor, als würde ich einem Eierkarton sitzen (Berge und Täler) über dem ein riesengroßes Stück Watte liegt.

Ich habe überhaupt keinen Plan, in welche Richtung wir fahren und so stelle ich nach 20 Kilometern fest, dass wir gerade wieder an unseren Autos vorbeigefahren sind. Lustig, lustig :-) Immer noch will die gigantische Kette der Fahrer einfach nicht abreißen. Unsere Gruppe ist relativ zügig unterwegs (jedenfalls schneller als die Reisegeschwindigkeit, die ich für mich selbst gewählt hätte) aber andere fahren noch viel schneller. Na ja, wer schneller fährt, ist eher wieder daheim (oder auch nicht) ... Irgendwann schaue ich auf die Uhr, als ich das Gefühl habe, doch schon eine Weile im Sattel zu sitzen. 7.45 Uhr - unglaublich! Normalerweise eine Zeit, zu der ich normalerweise an einem Sonntag mal im Bett darüber nachdenke, ob man so langsam aufstehen könnte. Aber noch unglaublicher ist, dass schon um diese unchristliche Uhrzeit Menschen an den Straßen stehen und uns anfeuern. Falls das hier einer der Zuschauer jemals lesen sollte: Vielen Dank dafür!

Helden II
Helden II

Nach 53 Kilometern erreichen wir die erste Verpflegungsstelle. Schnell ist der ganze Platz überfüllt mit Rädern und ihren Besitzern. Das befürchtete Chaos bleibt aber aus - es gibt genug Stände, so dass kaum große Wartezeiten entstehen. Da es noch ziemlich früh ist, fülle ich nur meine Trinkflaschen, esse eine Banane und stecke mir einen Energieriegel für die nächsten Kilometer in die Trikottasche. Und weiter geht die Fahrt. Der Sonne gelingt es, die ersten Löcher in die Wolkendecke zu brennen und verwandelt die Landschaft in ein Spiel aus Licht und Schatten. Ab hier (Waldstetten) beginnt der Teil der Strecke, der mir nachträglich betrachtet am allerbesten gefallen hat. Lange, sanft ansteigende Anstiege, enge Täler, dunkle Wälder, grüne Wiesen. Und von den Anhöhen aus betrachtet immer noch um uns herum ein riesengroßer Eierkarton, jetzt allerdings ohne Wattedeckel. Leider verbringt meine Kamera einen Großteil der Zeit in der Trikottasche. Ich habe es schlicht und ergreifend vergessen, öfter mal an den Rand zu fahren und das alles auch im Bild festzuhalten. Ich gelobe hiermit Besserung!

Es geht über den Furtlepass, ungezählte Variationen der Geislinger Steige und zum Schluss dieses Teilstücks den Drackensteiner Hang hoch. Alles ganz nette Anstiege, die sich in keinster Weise dagegen wehren, hochgefahren zu werden. Auf den Passhöhen haben sich immer wieder größere Zuschauergruppen eingefunden, die uns mit Ratschen, Glocken und sonstigem Lärmgerät lautstark einheizen. Ein klein wenig Alpe d'Huez :-) Eine knappe halbe Stunde vor dem offiziell letzten Kontrollschluss erreichen wir den Streckenteiler, an dem die Extra-Schleife für die 260km beginnt. Eigentlich ist unser Schnitt immer noch recht zügig, aber wir verbringen relativ viel Zeit an den Verpflegungsstellen. Das merkt man auch daran, weil wir zwischen den einzelnen Stationen immer wieder die selben Gruppen überholen. Aber egal - Alb Extrem ist kein Rennen. Das Erlebnis zählt, nicht die Zeit! A propos Verpflegungsstellen: Ich muss an dieser Stelle mal ein fettes Lob an die Organisatoren und die unzähligen Helfer aussprechen. Wir werden ausschließlich von gutgelaunten und hilfsbereiten Menschen bedient. Das stelle ich mir selbst gar nicht so einfach vor - die meisten sind an diesem Tag wohl deutlich länger auf den Beinen als wir Sportler. Und über die Art der Verpflegung kann man ebenfalls überhaupt nicht meckern. Alles was der leere Radfahrermagen begehrt: Bananen, Äpfel, Zitronenspalten, verschiedene Kuchen, Hefezopf, belegte Brote, Brezeln, unterschiedlichste Müsliriegel, Joghurt, Suppe, Kaffee, Mineralwasser, Cola, Fruchtschorle, isotonische Getränke. Und alles in unvorstellbaren Mengen! Vermisst hier irgendjemand noch etwas? Mit der zurückgelegten Strecke kehrt auch so langsam wieder mein Hunger zurück. In der Mitte des Marathons futtere ich mich an einer Verpflegungskontrolle einfach durch alle Essensstände von links nach rechts durch: Käsebrot, Salamibrot, Lyonerbrot, Hefezopf, Müsliriegel, Banane.

Auf der Endschleife der 260km Runde sind jetzt deutlich weniger Leute unterwegs. Die endlose Schlange hat sich in kleinere Gruppierungen aufgelöst. Stellenweise treffen wir auch auf Einzelkämpfer. Vor allem die Jungs, die mit schweren Tourenrädern inkl. Gepäckträger und Gepäck unterwegs sind, beschämen mich auf meinen 7kg Carbon. Respekt! An der Verpflegungsstation Bad Boll ca. 80km vor dem Ziel beschließen wir, getrennt weiterzufahren. Adi, Tommy, Uli und ich wollen nicht mehr so lange Pausen machen und dem Rest ist unser Tempo wohl einen Tick zu hoch. So machen wir uns nur noch zu viert auf zum großen Finale. So freundlich gestimmt wie die Anstiege zu Beginn waren, kommen jetzt doch einige recht üble Gesellen. Allen voran der berühmt berüchtigte Hexensattel. Man hatte mich schon im Vorfeld gewarnt und ein erfahrener Teilnehmer, der bei mir einige Kilometer im Windschatten mitfuhr, stöhnte plötzlich im allerfeinsten Schwäbisch auf: "Jetz kommt glei a riesagroßa scheißdreck". Der riesagroße Scheidreck sind kerzengerade 15%, die in praller Sonne einen Berg hochziehen, dessen Ende man nur schwer erahnen kann. Aller mentalen Vorbereitungen zum Trotz, wenn man das "Ding" plötzlich mit eigenen Augen sieht, zieht es einem augenblicklich sämtliche Energie aus den Beinen. Oh nein, das darf nicht war sein! Schon von weitem erkennen wir, dass ein großer Teil Fahrer abgestiegen ist und schiebt oder sich in der Bezwingung durch extremes Schlangenlinienfahren versucht. Na ja, was soll's? Radsport ist kein Spaß - noch nie gewesen :-) Hinten die Kette auf den 26er Rettungsring gelegt, Augen zu und durchdrücken. Kurz bevor die Oberschenkel platzen erreiche ich tatsächlich die Passhöhe. Bezeichnenderweise ist oben gleich ein Stand mit DRK-Mitarbeitern, sozusagen als Empfangskomitee. Solange wir es beobachten konnten, wurden sie glücklicherweise von niemandem in Anspruch genommen. Ok, viele von diesen Bergeinlagen sollten jetzt besser nicht mehr kommen. Tatsächlich kommen noch drei Stück davon, nicht ganz so steil wie der Hexensattel aber allesamt doch von der unangenehmeren Sorte. Schließlich ist es geschafft und euphorisch rasen wir die allerletzte Abfahrt nach Ottenbach hinunter.

Wir sind uns alle vier einig: wenn wir uns jetzt im Festzelt auf eine Bank setzen und uns vollfuttern, werden wir unsere Autos heute nicht mehr (lebend) erreichen. Deswegen lassen wir uns nur schnell unsere Urkunden ausdrucken und schwingen uns wieder in die Sättel. Die Freude über den erfolgreich absolvierten Marathon lässt uns vergessen, dass wir noch einmal gute 150 Höhenmeter überwinden müssen. Danach geht es nur aber noch rollenderweise zurück zu den Autos. Pechvogel Tommy fährt sich gerade mal 3km vor Ende noch einen Platten ein (übrigens der einzige Defekt des Tages in unserer Gruppe). Doch sofort hält ein Autofahrer an, der selbst gerade Alb Extrem hinter sich gebracht hat und spontan Mitleid mit uns hat :-) Selbst als wir sagen, dass wir nur noch 3km weit fahren müssen, lässt er sich nicht davon abbringen, Tommy inkl. Rad zum Auto zu transportieren. Alleine das zeigt, dass es hier unter den Teilnehmern eher ein Miteinander als ein Gegeneinander gibt. Zuhause angekommen gönnen Adi und ich uns noch einmal eine Portion Spaghetti Bolognese und danach ein Eis und fallen müde aber sehr zufrieden auf unsere Matratzen. Und wenn wir nicht gestorben sind, liegen wir da noch heute und träumen von Alb-Extrem.

Alle (wenigen) Bilder gibt es übrigens hier

[bearbeiten] Mein Fazit

In einem der zahlreichen Berichten im Netz hat eine Teilnehmerin den Alb Extrem Marathon wie folgt beschrieben: "Entweder du kommst nie mehr oder immer wieder". Ich glaube, ich gehöre eher zu der letztgenannten Fraktion. Vielleicht auch, weil ich die 260km ohne negativen körperlichen Erlebnisse absolvieren konnte.

Schwäbische Alb - wir beide sehen uns bestimmt irgendwann einmal wieder!

Und das Wichtigste zum Schluss: Vielen Dank an meine Mitfahrer! Es hat mir sehr geholfen, dass Ihr mitgefahren seid, Jungs - mehr als Ihr ahnt. Auch wenn wir nicht bis ganz zum Ende alle zusammengeblieben sind!


[bearbeiten] Eckdaten


  • Distanz / inkl. An/Abfahrt: 256km / 281km
  • Reine Fahrzeit knapp 10 bzw 11h
  • Höhenmeter (inkl. An/Abfahrt): 4206m / 4644m
  • Streckenprofil:
  • 43% Anstieg
  • 33% Flach
  • 24% Abfahrt
  • 23 "längere" Anstiege
  • Verbrauchte Energie: 11.600 kcal (entspricht ungefähr 26 Stück Sachertorte :-))


Energieausgleich über

  • 3 Brötchen mit Marmelade
  • 4 Bananen
  • 1/2 Apfel
  • 1 Käsebrötchen
  • 2 Wurstbrote
  • 1 Käsebrot
  • 5 Stücke Hefezopf
  • 4 Stücke Kuchen
  • 1 Fruchtriegel
  • 4 selbstgebackene Müsliriegel (LECKER!)
  • 2 Oatsnack Müsliriegel (OBERLECKERE Kalorienbombe mit 265kcal/Stück)
  • 2 dm Müsliriegel (nur bedingt lecker)
  • 3 Packungen Powerbar Energiegel Erdbeer-Banane (der Wille treibts rein)
  • 1/2l Spezi
  • 1l Apfelsaftschorle
  • mehrere Liter isotonische Getränke
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