Singen – Bregenz – Singen

Ein Langstreckentest für Mensch und Fahrgerät

Logische Streckenführungen haben es mir schon immer angetan. Und wenn man im Südwesten zu Hause ist, dann ist der Bodensee so eine logische Sache. Immer der Uferlinie entlang, rundherum. Nur hat die Sache einen Haken, nämlich dass die Umrundung des Bodensees, also das Abfahren dessen Uferlinie, eine respekteinflößende Addierung von Radkilometern bedeutet. Nämlich an die 200. Das lässt sich nicht mal so aus dem Ärmel schütteln. Zumindest nicht von mir.

Die Fahnen von NC auch im Ausland präsent. Hier: Lindau, Freistaat Bayern

Plan A war es, von Singen nach Bregenz zu fahren, was ziemlich genau die Hälfte ist, um dort zu nächtigen und am Tag 2 die Rückfahrt in Angriff nehmen. Zum Glück, muss man im nachhinein sagen, scheiterte Plan A an der völligen Überlastung der dortigen Hotellerie wegen dieses grandios sonnig und warm vorausgesagten langen Himmelfahrtswochenendes.

Also musste Plan B her, welcher besagte, eine moderate Teilumrundung als Tagesritt zu wagen, mit Abschluss in Konstanz und dem Zurück per Seehas, also der Bahn. Dies wurde von allen Seiten als machbar eingestuft und somit verabschiedet. Und so ging es am frühen Morgen los in Richtung Meersburg, wo ein erster Halt eingeplant war. Es ging somit im Uhrzeigersinn und zuerst auf der deutschen Seeseite entlang. Bis Meersburg flutschte es perfekt, kaum Radfahrer unterwegs, beste Bedingungen.

Auch diesmal extra für uns reserviert: Das Mäuerle am Wilden Mann in Meersburg.

Ab Meersburg wurde es dann dichter. Viele Engstellen, zu durchfahrende Campingareale, allgemein ein hohes Radtouristenaufkommen. Sowieso ist die Strecke bis Friedrichshafen unattraktiv. Vor allem, wenn die Alpensicht fehlt, so wie diesmal. Also auch Friedrichshafen schnell durchfahren und den Blick nach Lindau gerichtet, dem nächsten Ziel. Denn in Lindau ist man in einem anderen Land, in Bayern. Da kommt dann schon Urlaubsstimmung auf ob dieser fremden Kultur. Ein Stück Exotik am See. Man fährt durch parkähnliche Uferlandschaften, die an die großen Zeiten bayrischer Staatsmännigkeit erinnert. Das Hotel Bad Schachen vermittelt dies in perfekter Weise.

Unter alten Kastanien mit Blick zur Insel Lindau

Und auch schon kurz nach der Insel Lindau ist man in Österreich, mit der wunderschönen Uferpromenade von Lochau. Ein herrliches Stück Bodensee, an dem südländisches Urlaubsfeeling aufkommt. Im Hintergrund diesmal nur schemenhaft die Alpengalerie, die sonst, bei besserer Sicht, den Mund offen stehen lässt. Diesmal war zwar auch noch der Schnee zu erkennen, aber die Brillanz und Dominanz fehlte. Dafür war Sommer angesagt. Zum Baden noch grenzwertig, zeigten sich aber schon viele in Badesachen bekleidete Sonnenfreunde am Uferrasen. Der obligatorische Mittagstisch in Bregenz wurde diesmal im Gösser Biergarten eingenommen. Leider ohne das wirklich empfehlenswerte Gösser-Bierchen, denn das ist einfach tabu bei so einer Veranstaltung.

Uferpromenade Lochau mit Badi in typischer Vorarlberger Architektur

Was jetzt kam, ist das immergleiche orientierungslose Herumstochern in Bregenz, um irgendwie nach Gaissau, dem Grenzübergang zur Schweiz zu gelangen und dabei noch das schöne Rheindelta mitzunehmen. Diesmal nur 2 Verfahrer und moderate Wutausbrüche auf die Österreichische Radweg-Ausschilderungs-Politik. Aber es kam diesmal noch etwas anderes, neues hinzu: E-Bike-Zombies! Eine neue Art von Radwegmitbenutzern, gefährlich, unberechenbar, abstossend, nervzerfetzend. Es sind Scheintote, welche man irgendwie auf ein motorunterstütztes Zweirad hieven und in Fahrt bringen konnte. Mit einer Vmax=13km/h im Höllentempo unterwegs, mal links, mal rechts schlenkernd, gefährden sie den Blutdruck der Überholenden. Eine Entscheidung musste getroffen werden: Waffengewalt oder eine alternative Strecke. Wir entschieden uns für Letzteres und wurden nun geflasht von der entspannten und aussichtsreichen Alternativroute. Wo wir vorher noch dem Ende der Tour sehnlichst entgegenflehten, bahnte sich nun eine Euphorie an, die uns noch weiter begleiten sollte. Vielleicht lag es aber auch am Inhalt einer silbernen „Probierpackung“, welches meine werte Weggefährtin im Vorfeld von einem Singener Hinterhofdealer unterm Ladentisch zugesteckt bekam und welcher sich nun teilweise in unseren Trinkflaschen, teilweise aber schon in der Blutbahn befand? Auf jeden Fall flogen wir in zweiter Seereihe, auf kleiner Höhenlage über den Rorschacherberg und immer der Hauptstrasse 13 folgend nach kurzer Zeit in Konstanz ein. War’s das etwa schon?

Blick von der Schweizer Seeseite über den Obersee mit seinen vielen Segelbooten

Die letzten Kilometer auf der Fahrt nach Konstanz wurden immer leichter und es lief immer besser. Und so war mir klar, dass dieses Hoch unbedingt ausgenutzt werden musste. Auch meine Begleiterin war bester Dinge und so bedurfte es kaum Überredungskunst, um uns die restliche Strecke von Konstanz nach Singen auch noch per Ratt anzutun. Es war herrlich! Die Wege frei, denn es war schon der Abend eingekehrt, wunderschöne Stimmung, den Hohentwiel als Bastion der Heimkehr nach langer Fahrt vor Augen. Und so wurde es doch noch Plan B2, welcher zugegebenermaßen bereits fertig ausformuliert im Schreibtisch schlummerte und so einen langgehegten Traum von einer Ausfahrt über 200km bedienen konnte.

Für die Statistiker: Singen – Ludwigshafen – Überlingen – Meersburg – Friedrichshafen – Lindau – Bregenz – Rohrspitz/Rheindelta – Gaissau – Buriet – Thal/Buechen – Rorschacherberg – Rorschach – Arbon – Romanshorn – Konstanz – Singen
(210km und ca.450hm, also nicht komplett flach, wie oft fälschlicherweise vermutet wird…)

Amore Mikaela hat klaglos, geräuschlos und ohne Zicken die Strapazen über sich ergehen lassen. Mein Dank gilt diesem tollen Riemenratt! [mika amaro inky blue]

5 Gedanken zu „Singen – Bregenz – Singen“

  1. Ja ich bin immer noch ganz happy und kann es nicht fassen, wie gut es lief und vor allen Dingen, wie super die letzten km waren. Was es ausmacht, wenn man total high ist. Wie glücklich ich war, kaum gegen den Gegenwind ankämpfen zu müssen, das Wetter war für mich optimal und es motiviert einfach ungemein, durch verschiedene Landschaften zu radeln. Das obligatorische Mittagstief nach dem Mittagessen haben wir für unsere Verhältnisse auch gut weg gesteckt und es sind kaum böse Worte gefallen. Es dauerte ne ganze Weile, bis ich wieder richtig gut ins Rollen kam und ich kurz mal Zweifel bekam, überhaupt nach Konstanz zu kommen. Als der Punkt überwunden war, flutschte es wieder.
    Zu Hause angekommen, merkte ich dann meine Beine doch ganz schön und war hundemüde, konnte dennoch nicht schlafen und am nächsten Tag lief ich wie Falschgeld umeinander, egal, ich würde es wieder so machen.

  2. Mann Mann, da liest man ein paar Tage mal nicht das Blog und schon entgehen einem solche glorreichen Heldentaten! Meinen allergrößten Reschpäkt! Die 200km Schallmauer zu durchbrechen ist und bleibt immer was Besonderes – selbst wenn man das schon öfters gemacht hat (Randonneure sehen das vielleicht etwas anders). Ich bin mir sicher, dass ihr die 200 auch noch dann „vollgemacht“ hättet, wenn der Tacho vor eurer Haustüre erst 195km angezeigt und der Boppes höllisch wehgetan hätte. Emotionslos betrachtet wären 195 natürlich genauso gut wie 200km, aber wer sagt denn, das Radfahren nix mit Emotionen zu tun hätte? 😀
    Die 200km Schallmauer gehört meiner Meinung nach zu den 10 wichtigsten Leistungen, die man als Rad-Nerd mal abgehakt haben sollte (neben: Stilfser Joch, Northwood Summit Club, Sasbachtal aufm Klapprad). D.h. Ihr dürft Euch jetzt stolz ein Sternchen aufs Trikot tackern 😀

    Ich hoffe, nach über 1 Woche sind jetzt sämtliche Sitzbeinhöcker wieder abgeschwollen und die Energiespeicher wieder befüllt. Auf zu neuen Taten!

    P.S. Sehr schöner Bericht – auf gewohntem „ich kann mitfühlen“-Niveau
    P.P.S:. „Es sind kaum böse Worte gefallen“ -> für mich der Kommentar des Jahres 😀

  3. Lieber racingfool, in der Tat sind 200km schon was ganz ganz besonderes. Eigentlich kann ich jetzt abnippeln. Was soll noch kommen 😉

    Bobbo hat aber keine Probleme gemacht. Es gab ja einige Pausen, da wir ja einen auf „From Dusk Till Dawn“ gemacht haben. Also eine entspannte Angelegenheit. Und man muss auch sagen, dass auch alles gepasst hat. So ein Tag muss dann genutzt werden.

    Tja und was die Energiespeicher betrifft, da hilft uns ja anscheinend heute die Chemie weiter. Yvo wachsen nur leider jetzt Haare auf dem Rücken und ich fang‘ an zu menstruieren, aber egal, Hauptsache angekommen 😉

    1. Mr. cook, also bevor Du abnippelst, machen wir lieber mal noch einen „Nightride“ am Schienerberg.
      Der ist zwar sportlich nicht einmal ansatzweise mit Eurer Bregenz-Tour zu vergleichen, aaaaber emotional ist es halt einfach der Kracher 🙂

      1. Ich würde gerne den Dayride bevorzugen – nachts hab‘ ich Angst im Wald 😉
        Wobei ich ja jetzt nicht mehr auf’s Ratt steig. Ziel ist erreicht!

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