Singen – Bregenz – Singen

Oder: Grüß Gott, kennen wir uns?

Das alte Badi in Rorschach

Auch an den gemachten Großtouren merkt man, wie das Wetter tatsächlich war oder ist. Das sind bei uns die 2-Tages-Touren und die große Runde um den Bodensee. Hier muss die Konstellation aus freiem Wochenende, stabilem Wetter und einigermaßen warm aufeinandertreffen. Schon 2019 konnte keine Seeumrundung stattfinden, weil es tatsächlich keinen einzigen Tag mit dieser Konstellation gab. Und eine 2-Tages-Tour war nur nach Basel möglich, weil es ein Kompromiss war westwärts zu radeln, weil die vorgesehene Ostwärtsrunde wettertechnisch ins Wasser fiel.

Schweinekalt war der Morgen, keine 10°, ja leck mich doch…

Das Jahr 2020 begann schon völlig seltsam und hat sich auch als seltsames bis katastrophales Jahr weiterentwickelt. So konnte ich tatsächlich keine volle Urlaubswoche durchziehen, musste Urlaub verschieben, Zwangsurlaub nehmen, Urlaub abbrechen oder kürzen. An meinen freien Wochenenden war Kackwetter angesagt, dafür an den Arbeitstagen prächtiger Sonnenschein. Darauf muss man natürlich reagieren und so habe ich dieses Jahr tatsächlich sehr viele Touren gemacht, aber viele kurze Feierabendrunden. Das bedeutet so 25-40km. Und an den Wochenenden so 60-80km. Auch nicht schlecht, man arrangiert sich. Hat auch den Vorteil, dass man nie völlig leergefahren ist durch Mammutrunden und immer recht gut motiviert. Denn nach herrlich eindrucksvollen Tages- oder 2-Tagesritten fällt die Motivation danach merklich ab.

Strandpromenade in Hagnau, dahinter das offene Meer

Die schönste und längste Tour 2020 war bis dahin nach Lindau und zurück, alles auf der deutschen Seite, weil die Grenzen noch dicht waren. Das hat uns eine interessante Sicht auf den See beschert, weil zum einen beste Alpensicht herrschte und sich 2 verschiedene Perspektiven auftaten, die ich als bekennender Retournist nur empfehlen kann! Und da Lindau Ziel und Umkehrpunkt war, konnten wir die italienisch anmutende Altstadt auf der Insel voll auskosten und auch dort fein sitzen und uns köstlich verpflegen. Somit wurde ab sofort Bregenz durch Lindau ersetzt, wenn es um die Hauptverpflegungsstelle gehen sollte. Trotzdem ist Bregenz der wichtige Umkehrpunkt, weil es genau auf der anderen Seite des Bodensees liegt und durch die Zugehörigkeit zu Österreich einfach Urlaub und Entfernung suggeriert.

Blick auf Insel Lindau, die schemenhaften Voralpen und der Rorschacherberg mit Appenzellerland

So, und wenn wir schon das Thema Verpflegung angerissen haben, komme ich zu einem heiklen Punkt dieser Tour. Denn tatsächlich habe ich zum ersten Mal den kalten Atem vom „Mann mit dem Hammer“ gespürt! Er war gaaanz knapp hinter mir. Zum Glück aber erst so richtig bei unserem Döner-Dealer nebenan nach bereits erledigtem Tagwerk. Aber zum ersten Mal konnte ich erahnen, was ein Hungerast bedeutet. Ich wollte nur noch liegen, konnte meinen leckeren Yufka wegen völliger Kraftlosigkeit nur mit größter Mühe aufessen, trotz riesigen Hungers. Kauen war so anstrengend! Erst danach kam wieder etwas Leben in meinen komplett erschlafften Körper und ich musste nochmal ein paar Marmeladenbrote und Apfelsaftschorle hinterherschieben.

Im Rohrspitz (Rheindelta): Rad wegschmeissen und die Weite der Landschaft geniessen

Und so kann ich nur jedem dringend raten, es nie so weit kommen zu lassen. Ein dummer Anfängerfehler meinerseits nach nun fast 40 Jahren Radsport. Dachte ich etwa, ich sei unverwundbar? Größenwahnsinnig? Nur weil es mir noch nie passierte? Doch wie kam das nur soweit? Nach üppigem Frühstück um 6, hatte ich den ganzen Tag nur 2 Croissants und 1,5 Riegel gefuttert. Wie blöd muss man eigentlich sein? Erst um 1730 abends war der Döner dran. Alter schützt vor Torheit nicht, sagt man so treffend. Nun hoffe ich, daraus gelernt zu haben. Denn nur, weil man es noch nie erlebt hat, darf man nicht den Schluss ziehen, es nie zu erleiden. Schluss. Abhaken. Gelbe Karte. Denn ich hatte wahnsinnig Glück, es erst kurz vor Ende der Tour zu erahnen und erst nach Ende zu erleben.

Die Runde selbst ging im Uhrzeigersinn über die deutsche Seite nach Lindau und dann über Bregenz, den Rohrspitz und die schweizer Seite nach Konstanz und von dort den direkten Weg über Allensbach und Radolfzell wieder zurück nach Singen. Das sind dann tatsächlich exakt 200km. Punktlandung!

Das Türkis des Sees hat immer wieder fasziniert

Da wir bereits in der Ferienzeit einiger Bundesländer sind, hatten wir schon mit erhöhtem Rattfahreraufkommen gerechnet und sind auch recht bald (0630) gestartet. Doch erfreulicherweise gab es nie wirklich nervige Abschnitte. Klar, an der Bregenzerbucht drängt sich der komplette Verkehr mit Autos, Bahn, Fussgänger und Radfahrer auf den paar Metern zwischen See und Berg, aber auch dort ein wirklich entspanntes Miteinander. Wir hatten tatsächlich keine einzige brenzliche oder aggressive Situation auf der ganzen Runde! Und das mitten im Sommer. Wobei wir aber auf der schweizer Seite in der zweiten Reihe gefahren sind, also nicht auf dem offiziellen Bodenseeradweg. Dafür halt mit den Autofahrerkollegen die Strasse geteilt, auf dem in der Schweiz wirklich vorbildlich respektierten Radstreifen.

Der Strand am Rohrspitz, sieht eher aus wie Ostsee, auch wenn ich nie dort war 🙂

Und so war es wieder ein eindrucksvolles Erlebnis, diese topografisch so klar vorgegebene, logische und mit 200km auch herausfordernde Rennradrunde bei herrlichstem Wetter absolvieren zu dürfen und auch einmal ganz persönlich den „Mann mit dem Hammer“ auf ein kleines Schwätzchen kennengelernt zu haben 🙂

Ein Highlight war sicherlich die Altstadt auf der Lindauer Insel

Aber den allergrößten Respekt verdient meine treue Mitstreiterin Yvo, die diese ganze lange Runde ohne sichtbaren Verschleiß, ohne böse Worte, mit Dauergrinsen und Dauerfröhlichkeit und unerschöpflich scheinender Ausdauer in sich eingesaugt hat!

15 Gedanken zu „Singen – Bregenz – Singen“

  1. Ich weiß nicht, ob ewig das “Kind ” in einem drin steckt. Vor Aufregung konnte ich die Nacht zuvor kaum schlafen. Und die Nacht danach ist nicht besser, dieses HOCH lässt nicht nach und trotz Müdigkeit konnte ich nicht wieder richtig schlafen. Heute schleppte ich mich nur so durch die Arbeit durch und hatte Knispaugen. Wie auch immer, das ist auch egal, es lohnt sich aber auf jeden Fall, zwei miese Nächte, wenn der Tag in der Mitte dafür so genial ist. Auch wenn ich diese Runde schon kenne, es gibt einfach immer was Neues zu entdecken. Was wirklich erwähnenswert war, die ganze Strecke über gab es nie eine brenzlige Situation, juhu auch keinen Platten, keine E-Biker die einfach drauf los fahren und es nicht blicken, es war überhaupt ganz wenig los, also ganz nach meinem Geschmack. Klar um diese Uhrzeit steppt im Allgemeinen nicht so der Bär, es ist herrlich diese Ruhe morgens und dieser glatte See und alles erwacht. Wenn man dann in Lindau am ersten Badi vorkommt und hinten die Berge erkennt, schmacht… Auch wenn ich diese Badis schon oft gesehen habe, ich freue mich immer riesig, wenn wir an ihnen vorbei radeln. Überhaupt hatte der See eine wunderbare Farbe, ich hatte das Gefühl, bin ganz weit weg.
    Wie es uns passieren konnte, nicht genug zu essen ist mir allerdings ein Rätsel, ich bin eigentlich ein Garant, dass so was nicht passiert, ich kann immer essen und verlange auch auf längeren Touren rechtzeitig ne Pause einzulegen. Diesmal hatte ich aber gegen Ende mit leichter Übelkeit zu kämpfen und konnte nicht mal an Essen denken. Und mein werter Mitstreiter kann mal leicht das Essen vergessen, was mir an sich niemals passieren würde. So schnell wird es uns nicht mehr passieren, dass der Mann mit dem Hammer vorbei schaut. Auch wenn ich heute etwas müde bin, ich freue mich schon auf die nächste besondere Ausfahrt mit Herrn cook

  2. Juchee! Das Dreamteam wieder auf Tour und bloggt! Wenn jetzt auch noch die 2-(oder mehr)-Tagestouren noch kommen, hat Deutschland wieder ein Stück Normalität zurück 😁 Hatte mir gestern schon Sorgen gemacht, das ganze WE von euch kein Protokolleintrag auf Strava zu sehen, aber hoffte einfach, dass ohne Vorankündigung wieder ein großes Abenteuer im Gang ist 😉

    Meinen großen Respekt für eure Heldentat! Auch wenn es keine Premiere für die 200km Schallmauer war – wie man sieht, ist es jedes Mal eine neue Herausforderung! Ja ja, der berühmte Mann mit dem Hammer – wiegt einen erst in Sicherheit (es läuft und läuft) und dann wartet er urplötzlich hinter einer Ecke und lässt den Hammer fallen. Auch man es vermeiden kann – irgendwann sollte jede(r) Radsportler(in) mal einen Hungerast erleben – und sei es nur, damit man auch nach Jahren noch davon erzählen kann 😂

    Ich wünsche allseits gute und rasche Regeneration. Auf, auf, zu neuen Abenteuern!

    Ich hätte noch eine (tatsächlich ausnahmweise ernstgemeinte) Frage zu euren Hüfttaschen: Lässt es sich damit gut radeln? Bzw. schnürt das in der gebeugten Haltung nicht zu sehr ein? Für eine Tagestour scheint mir das eine vergleichsweise luftige Transportoption gegenüber einem Rucksack zu sein …

    P.S: doch wo ist denn jetzt der Strava-Eintrag? Klar, 200km sind ganz schön viele GPS Koordinaten. Aber sooo lange sollte der Upload eigentlich auch nicht dauern! Wisst ja, ich fahre immer so gerne virtuell auf Karten nach …

    1. Herzlichen Dank mein lieber racing_fool! Es war trotz Wiederholung wieder ein absolutes Erlebnis! Jedesmal neu! Und es lief auch so verdammt gut, dass man einfach meint, bestehende Gesetzmäßigkeiten ignorieren zu können 😉 Gegen Ende nochmal bei Rückenwind aufgedreht um der Fratze der Verwundbarkeit triumphierend ins Gesicht lachen zu können. Die Endorfine spielen hier auch noch ungünstig mit. Das nächste Mal wird wieder ordentlich reingehauen mit halbem Hähnchen und Pommes im Gösser Braustüberl 😎

      “Hip Pouches”: Ja, die sind richtig klasse! Begleiten uns schon seit vielen Jahren auf Tagestouren, weil man sie einfach nicht spürt, tatsächlich, dabei aber auf die Qualität des Hüftgürtels achten! Bei mir ist die ganze Werkstatt drin, dazu Handy, Geldbeutel, Schlüssel. Es passt sogar noch die Windweste rein wenn’s pressiert. Also ein absoluter Tip! Denn die Trikottaschen darüber lassen sich trotzdem befüllen und die Gesamtausbeute an Stauraum lässt den Rucksack zu Hause verweilen. Ende ist aber, sobald eine wärmere Jacke mit muss oder Überschuhe oder sowas sperriges.

      “GPS-Scheißdreck”: Habe ich aufgegeben. Nach mehreren Anläufen ist es einfach nicht mein Ding aus mehreren Gründen. Die Aufzeichnung ist nicht wirklich zuverlässig, bricht auf längeren Touren gerne ab und man ist dann herb enttäuscht, weil man sich drauf gefreut hat. Ich habe mit Strava und Naviki aufgezeichnet, Yvo mit Strava und es kam immer wieder zu abbrüchen und Fehlern. Ich sag mal bei 1-2 von 10 Touren. Das ist einfach doof und nervt. Und zum anderen ist man zu sehr im Schwanzvergleich, besonders was Leistung betrifft und man erwischt sich dabei, auf Tempo zu fahren und nicht auf Erlebnis. Auch wenn Tempofahrten auch mal Spaß machen. Also: abgehakt.

      P.S.: Und dann ist auch noch Yvos Tachometer aus dem vergangenen Jahrtausend ausgefallen, weil die Batterie des Senders hinüber war. Ja herzlichen Glückwunsch! Bald mach ich nur noch kabelgebundene Dinger dran, da wird zumindest die Anzeige erst mal lange vorher trüber bevor er dann wirklich nicht mehr “aufzeichnet” 😉

      1. Gibt es noch irgendwelche konkreten Produktempfehlungen für die hipster pouches?
        Schade, dass du dich von Strava verabschiedest – war ne schöne Zeit mit euch dort 😉
        Zum Thema bewährte Technik: ich hätte in irgendeiner Gruschtel-Kiste bestimmt noch einen antiken Tacho mit Wellenantrieb – authentisch, old-school, bewährt und quasi unzerstörbar. Interesse? 😂

        1. In der hipster pouch scene ist man schnell “out” wenn man nicht aufpasst 🙂 Unsere damals extrem state-of-the-art Dakine Teile gelten bei Insidern schon als oldschool. Soll ich mich mal in der Szene umhören 😎

          1. klar, Nutzerempfehlungen sind für mich immer hilfreicher als Testberichte. Wenn du also Connections in den gängigen Szenen hast: immer gerne 🙂 Ist aber alles andere als eilig!

        2. Hör mir auf mit Wellenantrieb! Da hat bei mir keiner die 1000er Marke erlebt 😉 Ich hatte dann welche, die man direkt unten an der Achse befestigt hat und ein Stift, rein me-hanisch, die Anzeige unten nach vorne hievte. Aber rein materialtechnisch der reinste Dreck.

          1. hmm, da hast du irgendwie natürlich Recht. Ich habe hier jahrzehnte langes Radfahren in meiner Jugend mit unendlichen vielen Kilometern gleich gesetzt. In der Realität waren das gerade mal niedrige vierstellige Werte 😉

      2. Noch eine Anmerkung zum Thema “GPS-Scheißdreck”:
        Verständlich das es nervt, wenn die Technik rumspackt.
        Aber schade ist es schon, den ich habe mich sehr gerne von der cook’schen Streckenführung inspirieren lassen. Die Insider wissen es ja längst, Erdkunde LK lässt grüßen 😉
        Falls du es doch in ferner Zukunft wieder mal ausprobieren möchtest, gib Bescheid.
        Mit dem richtigen Equipment bricht da nix ab.

  3. Was soll man noch sagen, deutschlands radaktivstes Paar hat wieder zugeschlagen. Gratulation 👏
    Wie ihr vergessen konntet lecker essen zu gehen, bleibt mir allerdings ein Rätsel.
    Radfahren war doch eigentlich bisher nur Mittel zum Zweck, um genau das zu tun 😀

    1. Da hast du absolut recht mein lieber Klausi! Die große Hauptmahlzeit, die ich in Lindau zu mir nehmen wollte, wurde durch einen hinterhältigen Trick der Serviertochter eingedampft in ein original italienisches Brioche mit Aprikosenfüllung, noch leicht warm. Es war ein Traum! Trotzdem fehlte diesem Teilchen irgendwie an nährwerttechnischer Nachhaltigkeit, wie ich im Nachhinein mit großem Erstaunen feststellen musste 😉

      1. Brioche, was?
        Klingt wie Juliette Binoche.
        Die kommt zwar aus Frankreich und nicht aus Italien, ist aber halt auch irgendwie lecker.

        Ja, ich weiß. Das Niveau war schon mal besser 😉

      1. nice!
        Und ich hatte tatsächlich noch überlegt, ob ich “rad(io)aktivstes Paar” schreiben soll.
        Weil damit auch klar wäre, woher die zwei die viele Energie nehmen 🙂

  4. An dem Tag selber hatte ich in der Tat viel Energie, aber der Tag danach war nichts mehr vom “radioaktivem Paar” zu spüren und wie Klausi meinte, viel Energie zu besitzen….ich wollte nur noch schlafen und essen und schaute beim Arbeiten immer auf die Uhr und dachte, wann kann ich mich endlich hinlegen

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