Lago di Varese

Immer mal wieder folgendes Szenario: die Alpennordseite hat Scheißwetter und die Alpensüdseite Sonne pur und erschwerend kommt dann auch noch ein paar Tage frei dazu, quasi verlängertes Wochenende. Und da haben wir wieder das Luxusproblem. Soll man, und wenn ja, wohin.

Es ist nun mal so, dass der Lago Maggiore vom Bodenseegebiet nicht allzu weit weg ist. 3h Fahrt, wenn’s läuft, und man steht in Locarno oder Ascona oder Lugano. Das verführt ungemein. Nur leider gefällt es mir dort so rein garnicht. Das war schon immer so. Ich finde einfach keinen Gefallen am Lago Maggiore, Luganer See oder Comer See. So sehr ich auch den Gardasee liebe, der aber für einen Kurztrip einfach zu weit weg ist, aber diese westlichen oberitalienischen Seen sind einfach nicht meins.

Blick über den Lago di Varese

Da kam die Idee auf, einfach weiter zu fahren, den etwas größeren Aufwand auf uns zu nehmen und eine Stunde Fahrtzeit drauf zu legen. Dann ist man im richtigen Italien. Etwa die Gegend um Varese. Da war ich vor vielen vielen Jahren schonmal und es hat mir dort sehr gefallen. Viele Erinnerungen hatte ich nicht, quasi keine bildlichen, aber das warme Gefühl, dass man dort willkommen war. Das Varesotto ist quasi das Erholungsgebiet der Vareser und der Mailänder. Man bekommt also das italienische Leben ungefiltert vorgeführt.

Ja, so lieben wir das: feinster Espresso an der Theke

Wir hatten eine sehr sehr schöne Unterkunft am Südufer des Lago di Varese ausgesucht und es war der absolute Traum. Friedliche Stimmung in absoluter Ruhe, einzig die Flugzeuge vom nahegelegenen Flughafen Malpensa waren zu hören. Aber nicht wirklich störend. Und so war die erste Anspannung ob der Unterkunft verflogen und nachdem wir ein paar Sonnenstrahlen auf unserer Terrasse genossen hatten, wurde gleich die erste Radtour unternommen.

Wünderschöne Unterkunft als renovierte Stallung

Wir waren mit den Mountainbikes unterwegs, wie immer bei weit ausserhäusigen Unternehmungen, denn mit dem MTB kommst du überall durch. Und es war auch hier wieder erste Wahl, denn die „Radwege“ waren nicht immer von erstklassiger Substanz und gingen auch mal über Grobschotter oder Sumpfland oder Industrieabfall. Das sieht man dort nicht so eng. Es ist ja schon eine große Errungenschaft, dass man tatsächlich ohne Lebensgefahr ein paar Kilometer mal weg von der Strasse pedalieren kann. Wir sind also den Radweg um den Lago di Varese gepilgert und anschließend noch ein Abstecher hoch nach Varese. Voll hinein ins Autogetümmel. Keine Radspur oder sonstige Weicheiradfahrerzugeständnisse. Dafür mit Blickkontakt und Zeichengebung eine erstaunlich kooperative Autofahrerfraktion. Hat enorm Spaß gemacht! Danach die übliche Abendveranstaltung eines gelungenen Radtages: essen, trinken, selig schlafen.

Immer wieder anhalten und staunen

Am nächsten Tag ein leckeres italienisches Frühstück genossen, ein paar Sonnenstrahlen auf der Terrasse aufgesaugt und dann ab in Richtung Lago Maggiore über Sesto Calende, Angera, Ranco und Ispra. Nochmal ein Versuch, Freundschaft zu schließen. Aber leider wieder gescheitert. Der Lago Maggiore und hier speziell der südliche Teil, hat auf mich einfach keine Wirkung. Am Lago di Varese hat man ein breites Becken, eine kleine Voralpenlandschaft mit weitem Blick auf die mächtige Monte Rosa Gruppe mit der Dufourspitze (4634m) und auf weitere, hohe, schneebedeckte Alpengiganten. Aber am Lago Maggiore bleibt der Blick an den kleinen Hügeln direkt am See hängen. Wobei der See eigentlich eher Flußcharakter hat. Einzig das Örtchen Angera mit seinen provencalisch anmutenden Häuserensembles und einem herrlichen Café mit Panini und Piadine konnte nachhaltig Eindruck hinterlassen. Und so freuten wir uns, wieder ins Hinterland hinaufzufahren und den Blick in die Weite schweifen zu lassen. Am Abend wieder perfekte Abfolge: essen, trinken, selig schlafen. Herrlich!

Angera am südlichen Ostufer des Lago Maggiore gefällt

Der dritte Tag war dann auch der Abreisetag und den wollten wir nochmal voll geniessen, denn die Sonne war uns wieder hold. Diese letzte kleine Runde sollte unerwartet unser Highlight werden. Eigentlich als Ausroller in unbekanntem Niemandsland südlich des Lago di Varese mit kleinen Ausblicken ins Umland unspektakulär angedacht, war es eine absolut einprägsame Tour! Kleine, verschlafene Örtchen auf kleinen Anhöhen mit Weitblicken, die Gänsehaut verursachen. Kleine Kirchlein, die zum Sonntagsgang läuten, friedliche Landschaften, entspannte Autofahrer, freundlich grüßende Menschen. Das hätten wir hier, im urban vermuteten Dreieck zwischen Varese, Mailand und Flughafen Malpensa so nicht erwartet. Irgendwie wie Toskana aus dem Bilderbuch. Und so ließen wir die Tour in Lomnago ausklingen, dem höher gelegenen Ortsteil unserer Unterkunft, in einer Kooperative mit Bar und cooler, freundlicher, friedlicher Atmosphäre unter zufriedenen Gästen und Betreibern. Und so war dieser Kurztrip auf die Alpensüdseite, trotz anfänglich erheblicher Skepsis meinerseits, ein voller Erfolg mit Lust auf Wiederholung!

Typisches Dörflein im Varesotto
Ganz typisch Lombardei: immer die Bergriesen im Hintergrund

6 Gedanken zu „Lago di Varese“

  1. Es ist mir anfangs etwas schwer gefallen, mich drauf einzulassen, auf normalen Straßen unterwegs zu sein und nicht mehr auf den Radwegen. Mein Gedankenkarussell drehte sich wohl zu schnell und ich hatte vor meinem inneren Auge überwiegend rücksichtslose Raser oder Autofahrer vor mir, die ihrem Handy mehr Aufmerksamkeit schenken und nicht dem Straßenverkehr. Aber zum Glück macht man positive Erlebnisse. Es hat dann ganz gut geklappt ins Hinterland und Bergdörfern zu radeln. Um Varese herum ist es alles andere als touristisch. Wir waren oft alleine unterwegs, ganz selten begegnete uns ein Rennradler, meist als „bunter Sonnenstuhl“ verkleidet und wir kamen uns fast wie auf einer kleinen Abenteuerreise vor. Jederzeit würde ich da wieder hin fahren, diese drei Tage Auszeit mit den Mountainbikes sind einfach was Wunderbares.

  2. Hmm .. euer Drang nach Süden hat euch ja schon aus dem Schwarzwald an den den Bodensee geführt. Warten wir einfach mal noch eine Weile ab .. oder schaut ihr euch schon nach einer schönen Wohnung auf der Alpensüdseite um? 😉

    Man soll ja im Alter auch aktiv bleiben und in 10 Jahre besuche ich euch dann auf Sizilien!

    Danke für den schönen Bericht 😉

  3. Ja, der bluesky hat da ja ganz gute Ideen…

    Wobei Mailand oder Genua auch schon südlich genug sind und noch halbwegs für einen Besuch am Wochenende geeignet wären.
    ABER, der Bodensee braucht Euch – das radaktivste Paar Deutschlands!
    Also nicht das Ihr auf dumme Gedanken kommt 😉

    Jedenfalls schön das sich das monatelange Warten gelohnt hat und wir mal wieder einen Eurer Berichte lesen konnten.

  4. Nachdem die Weltherrschaft durch northwoodcycling leider aus Altersgründen ausfallen musste, so sollen doch die Alpen und deren angrenzenden Regionen unter das Joch dieses misteriösen Geheimbundes fallen. Ein tieferes, dauerhaftes Eindringen ist jedoch nicht notwendig, da sich die Festung Hohentwiel als perfekter Ausgangspunkt für Inspektionsfahren etabliert hat.
    Trotzdem rufen tückische Sirenengesänge immer wieder gen Süden und wollen durch aufgemotzte Landschaften und übertrieben blankgeputztes Firmament zum bleiben auffordern. Doch die „zum kotzen schöne“ Bodenseelandschaft hält hier lässig und erfolgreich dagegen!

  5. Huhu,
    (ich hoffe „verspätet“ eintreffende Kommentare werden schwer beschäftigten Vätern nachgesehen 😉 )
    Juchhee – die Berichtesaison 2019 ist eröffnet! Dachte schon mein Feedreeder wäre kaputt (Erklärung für den Technik-Phobiker cook: das ist so ein neumodisches Dingens, wo dein Händie bimmelt, wenn es auf einem deiner Lieblingsblog nen neuen Artikel gibt. Sollte auch Blogautoren davon befreien, dass sie bei jedem neuen Artikel allen potentiellen Lesern extra ein Hinweismail schicken müssen :-D)
    Aber zurüc0k zum Thema: Wie immer ein sehr schöner und unterhaltsamer Bericht! Nix besseres als mit null Erwartungen an- und voller Euphorie wieder abzureisen …
    Mit den oberitalienischen Seen geht es mir übrigens genauso. Keine Ahnung woran das liegt – Der Comer See und Lago Maggiore haben im Hinterland stellenweise auch epische Landschaften, aber direkt in Seenähe hat mich nie die gleiche gute Laune befallen wie am Gardasee. Es gibt sonstwo eben nicht diese perfekte Mischung aus Schnuckeligkeit, Mediterran und Alpin. Obwohl ich fairerweise dazu sagen muss, dass mich am Gardasee alles südlich von Höhe Malcesine auch nicht mehr vom Hocker haut …
    Freu mich schon auf die nächsten Berichte – vor allem auf die Fortsetzung der Serie „Die unbekannte Schweiz“ 😉
    Ride on!

    1. Aha Feedreader…und ihr Nerds lasst mich hier alleine rumwurschteln und mit updates und neuen Editoren rumschlagen bis zur Verzweiflung. Schöne Kollegen seid ihr! 😉
      Da bin ich aber froh, dass es dir auch so geht mit der Oberitalienischen Seenlandschaft und ich nicht als gesättigter, überanspruchsvoller, überheblicher Wiechser (siehe entsprechenden Bericht!) im Abseits platziert werde und vor allem nicht mehr allein bin 😉 Ja, und so gibt es eben noch diese freudigen Überraschungen aus dem Nichts, die einen dann doch nachhaltig beeinflussen und zufrieden machen. Aber jetzt ruft wieder die „unbekannte Schweiz“ und auch hier ist es oft, dass die leisen und zurückhaltenden Ecken für wohlige Zufriedenheit und unerwartetes Glück sorgen…
      Keep on riding bro 🙂

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