Lago di Garda – Wohin geht die Reise?

Das Mountainbike beschert einem doch unvergleichliche Momente, besonders, natürlich, in den richtigen Bergen. Und wenn man dann noch angenehme Temperaturen mit stabilem Wetter und Seesicht hat, dann spricht das für einen erlebnisreichen Urlaub. So war das die letzten Jahre bis Jahrzehnt(e) am nördlichen Gardasee. Hinzu kommt dort noch das Gemenge an alpenländischer Bodenständigkeit mit italienischer Leichtlebigkeit.

Eine Traumkulisse bietet der nördliche Gardasee mit seiner Fjordähnlichen Ausprägung

Doch irgendwas ist hier faul, ist anders geworden. Das hat sich schon letztes Jahr angeschlichen und dieses Jahr war es noch stärker spürbar. Es ist eine Art Gereiztheit, Angespanntheit in der Region am nördlichen Ufer um Riva, Torbole und Arco zu spüren. Wahrscheinlich schon recht subjektiv wahrgenommen, aber nun doch auch von anderen Seiten bestätigt. Sind die Bewohner der Touristen müde? Sind die Touristen der Bewohner müde? Stimmt die Qualität, das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht mehr? Sind wir zu anspruchsvoll geworden? Ist es etwa ein politisches, gesamtitalienisches Problem geworden? Was auf jeden Fall deutlich wird, ein Urlaub dort wird immer teurer. Unsere Unterkunft ist hier die positive Ausnahme, aber die Flaggschiffe langen kräftig zu. Die Anfahrt wird immer teurer und auch zäher. Die Gastronomie wird teurer und tendiert immer mehr zum durchschleusen, nimmt den Kunden kaum noch wahr. Auch hier Ausnahmen, die über Jahre beständig gute bis sehr gute Qualität abliefern, in allen Belangen.

Dieses Jahr besonders aufgefallen ist mir die Aggressivität im Strassenverkehr. Das Recht des Stärkeren scheint hier bald Normalität. An Zebrastreifen, Kreisverkehren immer allergrößte Vorsicht als Radfahrer, sonst wirst du gnadenlos abgedrängt, ignoriert, zusammengefahren. Mehrfach wurden wir auf Zebrastreifen, bereits in der Mitte befindlich, die eine Seite wartet, fast überfahren, weil das zuerst weit in der Ferne liegende Auto auf der anderen Fahrbahnseite voll draufgehalten hat anstatt etwas zu drosseln, was schon gereicht hätte. Und so steht man oft verloren mitten auf der Fahrbahn, was ein äusserst mulmiges Gefühl hervorruft. Zugegebenermaßen, sind hier viele deutsche Kennzeichen aufgefallen.

Aber das Schlimmste: Der Espresso! Eine italienische Institution, ein Geschmackserlebnis ohne gleichen, dieser Espresso hat verloren! Stark schwankende Qualität, mal vollmundig, ja, aber dann wieder wässrig, zerfallende Créma. Es fehlt die Liebe des Barista zum Produkt.

Und zu guter Letzt meines lustigen hatings, die E-Biker. An sich keine bösen Menschen, im Gegenteil, sie freuen sich, sind freundlich aufgelegt, gesellig. Aber genau das ist es. Das Radfahren ist hier ein austauschbares Event. Ein anderes Mindset würde man heute sagen. Andere Wellenlänge. Wenn du auf einem herrlich abgelegenen Rifugio nach über 1800hm Aufstieg am Stück diese besondere Situation des Geleisteten, im Einklang mit der ganzen Umgebung genießt, mit gleichgesinnten Radfahrern oder auch Wanderern, dann ist es doch seltsam abwürdigend, wenn sandalenbeschuhte, schwimmringtragende E-Biker im casual Freizeitlook eine Pulle Rotwein reinleeren und es nicht glauben können, dass man hier ohne Motor hochradeln kann.

Und somit sollte unser Tour-Highlight auch über den Passo Rocchetta und Passo Guil gehen, wo man nur über Schiebepassagen gelangen kann. Bedeutet: E-Bike frei. Nur sportlich zu bewältigen. Und da gleichzeitig ein vom Regen des Vortags reingewaschener blauer Himmel uns den ganzen Tag begleitete, war diese Tour wieder ein inniges Erlebnis, welches tief eingeprägt in Erinnerung bleiben wird. Die Heimfahrt war dann auch noch per Schiff von Limone nach Riva, was dem Ganzen noch ein weltliches Highlight mit auf den Weg gab.

Letztendlich war es ein sehr schöner Urlaub mit vielen Radrunden und 2 absoluten Top-Touren, aber der große Glanz dieses altehrwürdigen Mountainbike-Eldorados beginnt zu verblassen.

Am Bocca Larici hat man schon heftige Betonrampen hinter sich und hat den Blick frei nach Süden
Weiter zum Passo Rocchetta geht es teilweise nur durch Schieben über Felspassagen
Zu Fuß kommt man bis an die steilen Felsabstürze heran, was unheimlich eindrückliche Ausblicke freisetzt. Hier konnten wir auch ein seltsames und recht scheues, gollumähliches Wesen auf Foto bannen.
Nach schöner Überfahrt, Blick vom Böötchen auf Riva

4 Gedanken zu „Lago di Garda – Wohin geht die Reise?“

  1. Sigh no more

    Weint keine Trän‘ und laßt sie gehn,
    Seid froh und guter Dinge,
    Daß statt der Klag‘ und dem Gestöhn‘
    Juchheisasa erklinge!

    Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
    Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

    Auf zu neuen Ufern! 🙂

    1. Welch‘ wahre Worte der werte Herr Klausi! Bin selbst gespannt was es nächstes Jahr sein wird 🙂
      Sigh no more kenne ich nicht, dafür kenne ich:
      .
      nudge nudge snap snap grin grin wink wink
      say no more 🙂

  2. hmm, der erste cook-Bericht seit sehr, sehr langer Zeit in dem der negative Tenor überwiegt. Schade für euch – obwohl ich hoffe, dass nur der Tenor des Berichts ist und nicht das Gefühl mit dem ihr heimgereist seid!
    Ansonsten, was soll ich sagen: Aus eigener leidvoller Erfahrung kommt die vollste Zustimmung zur Aggressivität im Straßenverkehr (in Kürze dazu mehr an anderer Stelle ;-)).
    Zu den Barista Geschichten: das musste ich bisher nicht ertragen – mag sein, dass das wirklich ein Problem von Touristen-Hotspots ist. Aber ich glaube, dass selbst der schlechteste Espresso/Cappucciono am Gardasee das um Längen schlägt, was einem hier in den 08-15 Lokalitäten zugemutet wird 😉
    Das Trostpflaster: selbst, wenn dort unten jetzt alles rund um das Seeufer degenerieren sollte – es bleibt die epische Landschaft. Die wird euch niemand nehmen können. Amen!

    1. Genau mein werter racing_fool! Die Landschaft ist immer noch grandios! Beim Espresso muss ich sagen, dass mittlerweile die jungen, modernen Cafés speziell in Konstanz einen traumhaften Espresso abliefern und dazu max.2 Euro verlangen. Da hat sich die Espressokultur rumgesprochen. Und wenn man hier das Bemühen um gute, gleichbleibende Qualität sieht, merke ich dort ein Ausruhen auf alten Pfründen. Das ist das Gefühl, das wir mitnehmen.

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