Singlespeed – Die Entwicklung

Dem glücklichen Umstand, in meiner Kindheit und Jugend sämtliche Schul- Behörden- Sportvereins- Stadtbesuchs-wege auf ebener Strecke gehabt zuhaben, verdanke ich die Liebe zum Eingangrad. Ein Ratt mit Schaltung war nur für sportlich ambitionierte Ausfahrten ins hügelige bis bergige Umland notwendig (Rennrad Motobecane mit aufgeklebten Schlauchreifen). Ansonsten reichte 1 Gang.

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Oma Farratt

Da gab es auch keine Philosophie dahinter, wie etwa „zurück zum Einfachen und Unkomplizierten“ oder „entrümple dein Leben – es genügt ein Gang“. Ganz pragmatisch gesehen waren solche Räder einfach vorhanden (Opa, Oma), günstig gebraucht zu erhalten oder einfach günstig in der Neuanschaffung. Nachdem ich alle kostenlos verfügbaren Räder verschlissen hatte, kaufte ich mir, in der Tradition der schwarzen Opa-Räder, ein Stoewers Greif für 189,- Mack für mein tägliches „commuting“ zur Schule (12km einfach) und später zur FH (8km einfach).

Schnitt

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mika amaro „inky blue“ von Michael Nagler

Heute ist Singlespeed oder, noch extremer, SSP in Verbindung mit Starrlauf (Fixed, Fixie), ein Marktsegment geworden, welches nicht nur den Pragmatismus, sondern auch den Kultfaktor bedient. Das hat die schöne Nebenwirkung, dass auf ein ästhetisches Auftreten des Gesamtkonzepts Farratt besonderen Wert gelegt wird. Sehr schön! Es gibt viele innovative Anbieter, die das Konzept SSP zelebrieren, wie etwa mika-amaro, Schindelhauer, Charge, Brother, Fixie inc., 8bar, urbanrider uvm. Teilweise wird hier richtig entwickelt und neue Wege gegangen. Davon profitiert auch die Nabenschaltung, die eine Renaissance erlebt, bzw. erleben wird. Einfach zu pflegen, keine Übersetzungsüberschneidungen, Zahnriementauglich.

Und die Zeit dazwischen? Da hat man sich ein Singlespeed aus einem Mehrgangrad gebaut (oder, die richtigen Freaks mit entsprechenden Beziehungen, aus einem Bahnradrahmen). War nicht ganz einfach, denn, es galt die Kette unter Spannung zu halten und die fehlenden Ritzel auf der Hinterachse durch etwas anderes zu ersetzen. Mein vor etwa 10 Jahren aufgebautes Cooks Wanderer Randonneur SSP konnte schon mit aus dem Internet bestellbaren Alu-Spacern bestückt werden. Und auch einzelne Kettenblätter und Ritzel waren schon in Spezialshops von SSP-Freaks zu beziehen.

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Umbau Cooks Wanderer Randonneur als Singlespeed-Commuter

Die Kettenspannung war ein großes Thema, wenn man den Rahmen eines Farratts mit Kettenschaltung hernahm. Denn: dieser hatte senkrechte Ausfall-Enden, welche das Hinterrad in exakt festgelegter Position fixierten. Beim klassischen Eingangrad und beim Bahnrad wurde die Kettenspannung durch die waagerechten Ausfaller über die horizontale Lage der Nabe justiert. Nicht selten aber habe ich bei den Opa-Rädern bei einem starken Antritt, die Nabe auf der Kettenseite nach vorne gezogen und damit saß sie schräg im Hinterbau und der Reifen streifte am Rahmen. Das war schlecht, aber nicht auszuschließen.

Beim senkrechten Ausfallende passiert sowas nicht, ABER man braucht einen Kettenspanner. In meinem Falle nahm ich keinen von der Stange, sondern ein ausrangiertes Schaltwerk. Dies wurde poliert und in gestreckter Position eingebaut. Läuft tadellos. Nur das pure Erscheinungsbild eines heutigen, fertigen Singlespeeders erreicht es bei weitem nicht. Und warum der Umbau vom 10-Gang zum Eingang?
Keine Schaltprobleme, kein Einstellen der Schaltung, kein Reißen von Schaltzügen, kein Reinigen von Schaltungskomponenten, wenig nachölen der Kette, kaum Verschleiss.

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Kettenspanner Cooks Wanderer

Und die wichtigste Weisheit zum Schluss: Singlespeeden verträgt sich am besten mit einem Stahlrahmen!

 

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