Eine Radgeburt

Wenn man für etwas Leidenschaft aufbringt, dann werden scheinbar einfache Entscheidungen zu komplexen und langwierigen Prozessen. Das wertet das Endprodukt ungemein auf, da es über die Zeit gewachsen und mit Ideen und Vorstellungen genährt, der endgültigen Materialisierung entgegensteuert, gleichsam einer Geburt als finales Endereignis irdischer und geistiger Vorgänge.

Schnell ist es: Das Canyon Endurace WMN CF SL Disc 7.0

Eine Radgeburt nun als solche in recht ironischer Weise zu betiteln kam aus dem Munde jener Person, welche nun doch selbst zum Protagonisten eines solchen Ereignisses inclusive Geburtshilfe werden sollte. Wo noch vor Jahren der Erwerb eines Hochrad-Mountainbikes eine halbstündige Hau-Ruck-Aktion zur Konterkarierung meiner hochverdichteten, hochkonzentrierten und langwierigen Geburtsvorbereitung führte, musste jetzt reuig Abbitte geleistet werden.

Es geht um den Erwerb eines echten Rennrads. Das Erstlingswerk Trek Lexa war ausgelutscht, wie so oft bei Einsteigersachen. Die Sinne für das Soll waren durch lange Touren verfeinert, jedoch nicht fassbar konkretisiert. Erst verschiedene Probefahrten führten zur Erleuchtung. Konkret bedeutet dies: verschärfte Geometrie. Ein Mantra, welches ich seit Jahrhunderten Rennradgeschichte vergeblich aufsagte und nun erst die Ohren der Traditionalisten (ja, das sind die Rennradfahrer) erreicht, ist das kurze Oberrohr. Und ganz speziell bei Frauengeometrien. Die Überstreckung des Nackens erfolgt nicht in erster Linie durch eine große Sattelüberhöhung, sondern durch vorgestreckte Armhaltung. Die kurzen Bahnrahmen haben hier vielleicht auch zu einem Umdenken angeregt. Diese „verschärfte Geometrie“ bedeutet, dass eine sog. „Race- oder Renngeometrie“ mit kompaktem Rahmenbau aber deutlicherer Sattelüberhöhung zu einer bequemeren Haltung führt, als große Rahmen mit hohen Lenkern, aber langen Oberrohren. Hinzu kommt, dass bei Rennbügeln der Reach oft unbeachtet bleibt und die Bremsgriffe ebenso zu einem deutlichen Vorgreifen zwingen. Und hier spreche ich von fertigen Rädern von der Stange.

Klare Linien, klare Farbgebung, klares Konzept

Aber hier kommen wir zum großen Problem. Wir wollten unbedingt den stationären Handel unterstützen, der schon wegen der Möglichkeit der Probefahrt ein deutliches Plus zum Internethandel hat. Jedoch hat dieser leider versagt. Kein Laden konnte wirklich überzeugen. Unsere Vorgaben wurden ignoriert, niedergebügelt, altbackene und überholte Meinungen wurden aufgesagt oder das Ideal konnte einfach nicht durch das Sortiment bedient werden. Ein Inhaber wollte uns sogar weismachen, dass zwischen Frauen und Männern anatomisch kein Unterschied bestünde. Ich selbst kenne da sogar mehrere. Doch dieses Geschäft hatte einfach keine Marken mit frauenspezifischen Rädern. Mensch Leute, da sind wir doch schon lange durch. Es sind zwar winzige Kleinigkeiten, aber bei fertigen Rädern ist es wichtig, nicht Lenker oder Sattel oder Bremsgriffe oder Vorbau nachträglich austauschen zu müssen. Und natürlich gibt es auch das Problem, dass ein Radladen nur eine begrenzte Auswahl hat. Fertig. Aus.
Wir hatten aber schon fast das passende Rennrad gefunden, perfekte Geometrie mit perfektem Vortrieb, schöne Optik, guter Preis. Aber leider nur mit Felgenbremse möglich. Scheibenbremse war aber ein absolutes Muss und sogar das Hauptargument für den Kauf eines neuen Rennrads.

Was blieb also übrig, als in die tiefen Abgründe des Internethandels hinabzusteigen und sich im Kaufladen des bisher aus religiösen Gründen (vielen Dank mein lieber Jan für deine eloquente Steilvorlage) verschmähten Klassenprimus umzusehen? Und siehe da: Perfekte Geometriedaten, wirklich wunderschön aufgeräumte und designorientierte klare Linienführung, schöne aktuelle, aber trotzdem zeitlos wirkende Lackierungen, durchgängig hochwertige Ausstattung bis zu den Laufrädern und absolut fairer Preis. Da konvertiert man gerne. Ein kompletter Tag ging zur Urteilsfindung drauf, aber das Endprodukt, welches nun den Ehrenplatz im Wohnzimmer ziert, ist aller Mühen und Anstrengungen wert.

Und somit wird dieser Bericht zu einer zweifache Abbitte. Zum einen ist die Besitzerin nun selbst Opfer einer Radgeburt geworden und wird diesen Vorgang in Zukunft nicht mehr heiter belächeln und zum anderen bin ich selbst ein Anhänger der jahrzehntelang verschmähten, belächelten und sogar geächteten Internetmarke von Radsport Arnold (die Alten unter uns kennen den noch…) geworden, was wiederum beweist, dass man im Leben nie ausgelernt hat.

Das Canyon in freier Wildbahn

5 Gedanken zu „Eine Radgeburt“

  1. Gratulation an die ganze Familie zur Geburt und zum wunderschönen Baby 😀

    Alles richtig gemacht – ich bin ja auch bekennender Anhänger einer intensiven Geburtsvorbereitung. Auch wenn es manchmal nervt, zäh ist und die Außenwelt in die Verzweiflung treibt, ist das alles nichts im Vergleich zu den Schmerzen, die man jahrelang hinterher aushalten muss, wenn die Vorbereitung unterlassen und einfach das „nächstbeste“ gekauft wurde!

    Tatsächlich schade, dass der lokale Einzelhandel euch dabei nicht unterstützt hat – da sägen viele am Ast auf dem sie sitzen und hätte es nicht den ebike Boom gegeben, wären da schon einige längst von der Bildfläche verschwunden. Wobei man fairerweise sagen muss, dass es auch bei den Radhändlern noch Sahnestückchen gibt. Ich erinnere mich da auch z.B. an deine Berichte über Goldsprint in Berlin …
    Auch schade, dass du den Diskurs mit dem Radexperten über die anotomische Gleichheit von Weiblein und Männlein nicht fortgeführt hast – das hätte bestimmt noch für Stoff für einen weiteren Blogartikel gesorgt 😉

    1. Vielen Dank mein lieber racing_fool für die feinen Worte!
      Goldsprint zähle ich schon zu den zweigleisig fahrenden Händlern, die eine beachtliche Internetpräsenz haben und sich dadurch auch spezialisiert haben. Der örtliche Handel macht seinen Umsatz ja eher über Standardware. Aber z.B. bei Serpentine Velosport in Hilzingen ist schon große Fachkompentenz vorhanden. Nur ist dort wiederum ein begrenztes Sortiment im sehr hochwertigen Rennbereich, welches unseren Geldbeutel überstrapaziert hätte. Letzendlich ist das Internet eine positive Erweiterung des örtlichen Handels und für mich nicht der andere Weg, um das Gleiche billiger zu bekommen. Und das hat sich auch diesmal wieder gezeigt. Es ist nur einfach schade, wie dilettantisch und amateurhaft sich manche Verkäufer anstellen…

    2. Als frisch gebackene „Rad-Mama“ (wer hätte denn das gedacht, in so einem hohen Altern nochmals Mama zu werden???) bin ich stolz wie Bolle auf mein neues Rad. Wie sollte es anders sein, seinen Nachwuchs findet man ja immer am Schönsten. Nicht nur wunderschön finde ich mein Rad, sondern es ist für mich unglaublich, was für ein Quantensprung zum alten Rad das ist. Es ist so spritzig, sogar ich kann ab und an dran bleiben und eine Kuppe weg drücken. Es macht einfach unglaublich viel Spaß.
      Wie war ich aufgeregt, als ich es bestellt habe. Die Frage, ob denn das Rad wirklich passt hat mich schon beschäftigt. Dann passt es auch noch richtig gut, die Farbe schaut in Wirklichkeit noch besser aus, also was möchte Frau mehr????? Ich bin wirklich total happy und zufrieden damit und freue mich auf die Osterferien mit hoffentlich gutem Wetter.
      Ach ja und ich glaube, über die angebliche anatomische Gleichheit von Weiblein und Männlein braucht man nicht weiter darauf einzugehen, oder?

  2. Auch an anderer Stelle im Hegau, wurden ganz ähnliche Erfahrungen gemacht.
    Von der zitierten Ignoranz gegenüber den geschlechterspezifischen Unterschieden, bis hin zu charmanten Beratungsergüssen: „Jetzt nehmen Sie halt das Rad, dass ist doch ausreichend für Sie“, war alles dabei.
    Zwar waren wir nicht auf der Suche nach einem Rennrad, ein Hollandrad sollte es aber halt auch nicht werden (onder Holland rijden we naar de wm) 🙂
    In ähnlich aussichtsloser Lage wurde schließlich ebenfalls der sonst so konsequent boykottierte Internethandel durchsucht, und siehe da, auch wir wurden fündig. Schlussendlich entschied sich meine Gemahlin dann für das einzige Fahrrad unter den trölftausend möglichen, welches eine Lieferzeit von drei Jahren zu haben scheint. Und seither sitzen wir nun Abend für Abend vor dem iPad und warten auf das erlösende „Pling“ welches die eingehende und schließlich erlösende email ankündigt, die uns die baldige Lieferung prophezeit.
    Bis es soweit ist, vertreiben wir uns die Zeit mit dem Lesen der wunderbaren Berichte auf ’northwoodcyclig‘ und warten und warten und warten … 😉

    1. Ja mein lieber Klausi, ihr habt uns da als „moralische Instanz“ die letzten Skrupel genommen, sich im gesichtslosen, bösen Internetz, hochwertige und eigentlich erklärintensive Ware zu besorgen. Aber es ist mittlerweile einfach so, dass diese Ware nicht als Haustürgeschäft windiger Drückerbanden, sondern seriös und mit nachhaltiger Philisophie in hell beleuchteten Schaufenstern mit vergleichbaren, offengelegten Fakten und innovativen Eigenentwicklungen angeboten werden. Bisher konnte ich keinen einzigen Schwachpunkt feststellen. Sogar die Lieferung kam über eine Woche früher als bestätigt. Und das Beste: du wirst nicht mit Klugscheissereien zugelabert 🙂

      Dann wünsche ich euch baldige Nachricht über die Zustellung! Vielleicht ein kleiner Trost: die lange Wartezeit spricht für das Produkt und seine Begehrtheit!

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