Cross Ride

Schon seit Jahren überlege ich mir, mal ein Cross Rad zuzulegen (also ein reinrassiges Querfeldein-Rennrad und nicht dieser neumodische Quatsch, der hin und wieder noch bei Bike-Händlern zu finden ist). Natürlich habe ich schon geländetaugliche Räder in meinem Stall. ABER für die einfache Ausfahrt auf dem Standard-Schwarzwald-Weg (2m breit, Schotterunterlage) sind diese fast schon zu geländegängig, was sich dann leider in einer stark gebremsten Vorwärtsbewegung niederschlägt.
Auf der anderen Seite sind die meisten meiner Ausfahrten zeitlich äh beschränkt. Wie wir alle noch aus dem Physikunterricht wissen, gilt: Geschwindigkeit=Strecke / Zeit.
Ist die Zeit nun fest und möchte man aber die Streckenlänge erhöhen (um damit auch den Radius des be-bike-ten Gebiets zu vergrößern), bleibt nix anders übrig, als die Geschwindigkeit zu erhöhen (Strecke=Geschwindigkeit x Zeit).
Geschwindigkeitserhöherung wiederum erreicht man über ein gesteigertes Leistungsvermögen und/oder ein Bike, das von sich aus bei gleichem Kraftaufwand leichter läuft (die eBike Option bleibt hier mal unberücksichtigt). Soweit meine mathematisch korrekte Herleitung, mir ein neues Bike kaufen zu dürfen/müssen.
Keine Ahnung, warum ich es dann einfachnoch nicht getan hatte (vielleicht versteckte Hoffnung auf Steigerung des Leistungsvermögens)

Der Zufall wollte es, dass mir vor ein paar Wochen ein Crosser als Probeexemplar zugespielt wurde – ein Freund hatte sich das Rad bei ebay ersteigert, doch leider ist ihm der Rahmen eine Nummer zu groß. Deswegen hatte er mich gefragt, ob ich damit mal ein paar Testfahrten unternehmen und es ihm dann abkaufen wollte.
Bei dem Gefährt handelt es sich um das Mittelklassemodell der hierzulande noch wenig bekannten Marke D.S.N.T.M.T.T.R (Firmenslogan: „Big names? We don’t give a shit!)
Perfekterweise auch schon in der Northwood-Cycling Teamlackierung schwarz-weiß 🙂

crossbike

Nachdem ich jetzt 1.5 Wochen mit schwerer Männergrippe (aka Schnupfen) daniederlag, gab es gestern die Premierenfahrt hier um den Block, bzw. durch die naheliegenden Wälder. Und weil es so gut lief und ich mich und das Rad wieder heil nach Hause gebracht hatte, wagte ich mich heute an eine größere Runde: von der Schwanner Warte bis zum Schramberger Blockhaus und wieder zurück.

Tja, was soll ich sagen: meine Erwartungen und Hoffnungen wurden mehr als erfüllt – der Vortrieb ist einfach nur phänomenal. Ich bin aktuell alles andere als top-fit, aber die Runde heute hat mich nicht überanstrengt. Wäre ich sie mit dem Liteville gefahren, hätte ich mich wohl an der Bushaltestelle Schwarzmiss abholen lassen dürfen.
Die Bedingungen waren heute sicherlich auch fast ideal. Trockene und teilweise steinharte Wege – da kommt dann tatsächlich Rennrad-Flow-Feeling auf.
Klar, die genaue Linienwahl muss immer bedacht werden. Wo das Liteville Fahrwerk über einen 10cm Gesteinsbrocken nur müde lächelt, ist bei Starrgabel und 30mm Reifenluftpolster echt Gefahr im Verzug. Andererseits – wie pflegt einer der NC-Gründungsväter immer zu sagen: „Federung versaut nur die Fahrtechnik“ 🙂
Ob es und vor allem ich die ein oder andere Singletraileinlage unbeschadet überstehen würden, wäre noch zu beweisen. Heute gab es nur einfache Fahrtechnik-Kost.

Ob jetzt wirklich das D.S.N.T.M.T.T.R einen Platz in unserer Garage finden wird oder doch ein anderes, weiß ich noch nicht genau. Es gibt schon ein paar Details, die nicht so ganz 100% passen:

  • der Rahmen ist mir eigentlich eine Nummer zu klein – obwohl die Sitzposition schon ganz gut und vorallem komfortabel war. Aber dafür musste eben der Vorbau steil nach oben zeigen (optisch ein no-go)
  • die SRAM Rival Schaltung ist, vorsichtig gesagt, etwas „gewöhnungsbedürftig“. Die Philosophie, mit nur 1 Hebel sowohl hoch- als auch runterzuschalten, ist nicht gerade ein Kandidat für den Ergonomie-Nobelpreis. Vielleicht ist es wirklich nur gewöhnungsbedürftig, andererseits hatte ich bisher mit keiner meiner Schaltungen einen Eingewöhnungsbedarf.
  • Avid Bremsen – ich freue mich schon auf die erste Entlüftung und den Spaß, mit der DOT 5.1 Bremsflüssigkeit herumpanschen zu dürfen (ist ja auch so gut für Haut und Haar)
  • einige Teile müssten getauscht werden:
    • die Übersetzung ist zu hart, d.h. hinten ein anderes Ritzelpaket und vorne müsste zumindest das 53er! Kettenblatt getauscht werden. (selbst mit Oberschenkeln wie einst Dschamolidin Abduschaparow wollte ich damit keine Schwarzwaldanstiege fahren müssen)
    • die Reifen sind mit 30mm eher am unteren Rand des Crossreifen-Spektrums angesiedelt. Da gibt es relativ wenig Spielraum für Durchschläge und auch

Ich kenne mich – über solch kleine Unzulänglichkeiten kann ich beim Biken nur schlecht hinwegsehen, was unweigerlich nach spätestens 12 Monaten zum Neukauf führen würde 🙂 Aber wer weiß, vielleicht werden wir doch noch Freunde …

Aber wie auch immer die Entscheidung bzgl. Bike fallen wird – die Entscheidung FÜR ein Crossbike ist heute definitiv gefallen 🙂
Schon während der Ausfahrt sind vor meinem geistigen Auge die ersten Ideen für Überlandfahrten entstanden – Zielkreuze auf der Landkarte, die für die Propellermaschinen in meiner Flotte unerreichbar waren (höchstens unter Zuhilfenahme eines Flugzeugträgers aka „Auto“). Doch mit so einem Langstrecken-Jet wäre das plötzlich alles wieder machbar …

4 Gedanken zu „Cross Ride“

  1. Sehr schön beschrieben, lieber racing_fool! Sehr interessant dabei ist, dass ich gerade im neuesten „spoke“-Rattmagazin blättere, welches sich dem Thema „gravelbike“ widmet, die moderne Bezeichnung für eine „CX-Bike“, was schon moderner ist als „Crossrad“, was wiederum moderner als „Querfeldeinrad“ ist. Alles irgendwie thesame. Nur ansprechender ausgedrückt. Und dabei habe ich mich gefragt, warum ein gravelbike? Und warum nicht das gute Mountainbike? Aber du hast den Test gemacht. Nur sind meine Bedenken beim Crosser vs. MTB: zu wenig Komfort, zu eingeschränkt was die Streckenwahl betrifft und zu eingeschränkt bei der Übersetzung. Aber eben schneller. Bin sehr gespannt, wie es weiter geht…bitte halte uns auf dem Laufenden!
    Übrigens kenne ich die Marke auch, sehr innovativ, und: auf dem Weg zur Weltherrschaft!

  2. hmmm, du legst den Finger in die Wunde, lieber Cook! Warum könnte nicht auch ein 29er diese Aufgaben alle erfüllen?
    Ich gebe dir absolut Recht bzgl Nachteilen des Crossers
    – deutlich weniger Komfort als ein MTB
    – die Übersetzung könnte an der ein oder anderen Steigung zur Herausforderung werden
    – Hahnenfalztrail & co sind wahrscheinlich ein No-Go mit einem Crosser (jedenfalls für mich)
    d.h. unterm Strich: die Streckenwahl müsste künftig entsprechend diesen Einschränkungen angepasst werden
    ABER (und das ist aktuell für mich das dickste Gewicht in der Waagschale), ein Crosser lässt sich recht einfach zu einem vollwertigen Straßen-Rennrad umbauen. Und ggf. mit Schutzblechen ausstatten, die ihren Namen auch verdienen.

    P.S. soooo viel schneller ist das Cross Bike wohl doch nicht. Habe gestern abend mal spaßeshalber Strava befragt und siehe da: ich war auf den gestrigen Anstiegen vor Jahren mit dem MTB (allerdings Hardtail) schneller unterwegs. Nur zur Klarstellung: ich nutze Strava nicht zur Rekordjagd, sondern nur zur Kontrolle meines jährlichen Leistungsabfalls 😉 Vorausgesetzt ich fahre in meinem Wohlfühlbereich (Geschwindigkeitsmesser verwende ich schon seit über 10 Jahren nicht mehr), erziele ich auf den meisten Strecken erstaunlicherweise sehr ähnliche Zeiten (mit dem gleichen Rad). Gestern hatte ich das Gefühl, alle meine bisherigen Zeiten pulverisiert zu haben, aber Strava zeigt das Gegenteil leider schwarz auf weiß.
    Na ja, vielleicht sollte ich auch nicht Äpfel mit Birnen vergleichen – gestern war ich noch ziemlich derangiert und 2009 hingegen hatte ich die Form meines Lebens.

    Fazit: bin gerade wieder etwas ambivalent bzgl. der Entscheidung. Es bleibt spannend 🙂

  3. neumodischer firlefanz .. und dieser vorbau .. da muss man sich nicht wundern wenn man von der stylepolizei mit einem strafzettel versehen wird … bald werden die leute auch noch elektromotoren an ihre bikes schrauben ..

    wo kommen wir den da hin!

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