Breitreifen am Rennrad

Bisher galt die unumstößliche Regel bei Rennradreifen: Die Reifenbreite ist egal, hauptsache 23mm. Mit der entspechenden Felge und einem schönen Stahlrahmen mit waagrechtem Oberrohr sieht das natürlich immer noch maximal ästhetisch aus. Doch die Zeiten haben sich geändert. Die Rahmen sind fetter geworden, zuerst Alu, heute Carbon. Neue Erkenntnisse zu Reifenbreiten sind hinzugekommen. Ein breiterer Reifen rollt bei gleichem Druck besser als der schmalere und bringt dadurch auch mehr Komfort, denn Breitreifen fährt man mit max.6bar. Die Felgenbreite hat sich ebenfalls angepasst und somit geht heute die Tendenz ganz klar zu fetten Schlappen. Hier hat natürlich auch der Trend zum Gravelbike, also ein Rennrad mit dem man auch über Schotter fahren kann 😉 mitgewirkt. Hier ist Komfort wichtig und somit ein breiter Reifen. Mit “breit” meine ich beim Rennrad schon 28 und 30mm.

Mein Anfang des Jahres erworbene Basso Venta Disc gehört zur modernen Kathegorie Rennräder, die nicht für den Wettkampf oder das Zeitfahren ausgelegt sind, sondern für die Tour. Dabei aber immer noch sportlich schnell unterwegs sein sollen. Es kam mit Reifen von Michelin, Dynamic Sport genannt, die Nennbreite war 28mm, gemessen waren es aber satte 31mm. Das ist schonmal schlecht. Klar, Franzosen halt, die nehmen’s nicht so genau, aber mich nervt sowas. Und dann die Montage. Extrem schwer zum aufziehen, das musste ich auf einer Tour am Lago Maggiore schmerzhaft erleiden. Denn der Reifen wollte nach getauschtem Schlauch nicht mehr in das Felgenhorn rein und es gab eine ekelhafte Unwucht als Höhenschlag. In der Werkstatt meines Vertrauens konnten die dann nur mit Gleitcreme und 2 Millionen Bar Druck den Reifen wieder in die gewollte Position bringen. Da hat man natürlich noch mehr Schiss vor einer Panne in der Prärie. Mit Höhenschlag durch die Gegend hoppeln macht nicht so viel Spaß. Aber der gute Michelin hatte dann tatsächlich keine Panne mehr! Und die erste Panne war ja der Schlauch selber mit einer sich öffnenden Schlauchnaht.

Als nun das Leben des hinteren Michelin zu Ende gehen sollte, mit kanpp 6000km eine normale Zeitspanne, kam natürlich wieder die leidige Reifenfrage. Ich wollte mal was anderes als den Schwalbe One oder Pro One, der auf allen anderen Rennvehikeln draufgezogen ist. Also viel recherchiert, aber letztendlich dann doch den Schwalbe Pro One 30-622 (700x30C) bestellt. Ich habe mit Schwalbe noch nie schlechte Erfahrungen gemacht. Und jedes Mal, wenn ich mich dem allgemeinen Druck hingab und meinte, einen Conti (Continental) kaufen zu müssen, war nach wenigen Ausfahrten der Reifen hinüber. Immer kapitale Zerstörung. Das ist schon irgendwie Zufall, aber auch ein Fingerzeig. Auf Conti liegt kein Segen drauf bei mir. Und auch Michelin konnte mich nicht recht überzeugen. Schon die Ungewissheit bei der Breite. Meist um 2-3mm breiter als angegeben. Warum? Und auch die Palette ist irgendwie seltsam. Mit dem Pro4 in verschiedenen Varianten, die einem nicht sofort klar sind, dann Krylion, Lithion, dazu noch eine Nummer dahinter. Das Baujahr ist dann noch entscheidend, weil der alte Pro4 jetzt Krylion heißt. Undsoweiter. Also doch wieder Schwalbe. Man bin ich ein Langweiler…

Und so kam heut’ das Schwalbe Paar (30-622) und ich konnte an die Arbeit gehen. Die Montage war sensationell einfach. Kein Vergleich mit den Michelin. Alles entspannt mit der Hand aufgezogen, aufpumpen – peng! ins Felgenhorn gesprungen, läuft 100% rund. Fertig! Breite passt fast perfekt, gemessen habe ich mit der Schieblehre 29,6mm, bei einer Felgenbreite aussen von 25mm. Jetzt muss nur noch die von Schwalbe beim neuen Pro One so hoch gepriesene “Souplesse” zu spüren sein, dann weiß ich auch was das sein soll. Der 2019er Pro One auf meinem Schindelhauer Hektor war schon ein Meister des Schmatzens, so geschmeidigt läuft der über den Asphalt. Das konnte ich sogar deutlich messbar an der gewonnenen Leichtläufigkeit erkennen beim gemeinsamen Bergabrollen nebeneinander mit Yvo.

Achja Gewicht. Mit gewogenen 275g sind die Dinger auch noch richtig leicht für diese Breite. Respekt Schwalbe! Die Michelin brachten satte 360g auf die Küchenwaage. Jetzt muss nur noch die Realität diese ganzen guten Vorzeichen auch bestätigen!

2 Gedanken zu „Breitreifen am Rennrad“

  1. Da bin ich mal gespannt, wie der Langzeittest ausfallen wird!
    Schon krass, welche Breiten heute jetzt ganz normal (selbst bei den Profis) sind.
    Aus der Rubrik: „Opa erzählt vom Krieg“: ich kann mich noch gut erinnern, dass ich „damals“ einer der ersten war, die zum Vereinstraining auf 23er Schlappen anrollten (und dafür sehr belächelt wurde). Standard waren zu der Zeit noch eher die 18er Dackelschneider. In der Zwischenzeit hat sich dieses Maß fast schon verdoppelt!

    1. Ja klar, 18er Dackelschneider, die haben richtig Assi ausgesehen und mussten mit 9-10bar auf Betonhärte aufgeblasen werden, damit es beim überfahren einer Fahrbahnmarkierung keinen Durchschlag gab. Komfort war gleich wie auf der Felge fahren 😎
      Also, du Conti-Fan, auf meinen Billig-Luganos für neunfuffzich gabe es Null, in Worten: 0 Defekte. Schwol-bee One auf Amore Mikaela bisher Null, Schwol-bee Pro One auf Hektor bisher Null. Auf MTB nur mal auf völlig abgenudelten RacingRalph Mehrfachdefekt auf einer Tour, sonst kaum Defekte. Contis sind entweder auf Nässe abgeschmiert oder bei Sichtkontakt mit Glasscherben direkt explodiert oder komplett aufgeschlitzt, praktisch Selbstzerstörung. Aber fahr du nur deine Contis, damit nicht noch ein Werk geschlossen werden muss 🙁
      😉

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